Schneewinter

January 13, 2026

Schneeverwehungen, Glatteis, umgestürzte Bäume, Verkehrschaos - Wintersturm „Elli“ hatte Deutschland in den letzten Tagen fest im Griff. Zumindest vermittelten das unzählige Liveticker, Snowblogs und Newsfeeds, die das Geschehen detailreich und vor allem rund um die Uhr begleiteten. Als gäbe es buchstäblich kein Morgen mehr. Die harten Fakten lesen sich - zumindest hier in Oldenburg - deutlich nüchterner: Rund zehn Zentimeter Neuschnee, dazu Windböen mit etwa 65 km/h. Das entspricht Windstärke 8, einem stürmischen Wind, der in Norddeutschland nicht ungewöhnlich ist. Und selbst wenn Schnee im Winter durch den Klimawandel seltener geworden ist, gilt nach wie vor: Im Winter ist es kalt. Sinkt die Temperatur unter null Grad, wird aus Regen Schnee.

Auf die Gefahr hin, wie meine Großmutter zu klingen, weiß ich aus eigener Erfahrung, wie eine Schneekatastrophe tatsächlich aussieht. Im Winter 1978/79 versank der Norden buchstäblich im Schnee. Dem ging ein massiver Temperatursturz auf bis zu minus 30 Grad voraus. Ich erinnere mich an einen Veilchenstrauß, den ich damals zum Geburtstag bekam – er überlebte den kurzen Weg vom Auto bis zu unserer Haustür nicht und fiel dem eisigen Wind zum Opfer. Nach erheblichem Schneefall ab Silvester folgte Mitte Februar der Ausnahmezustand: Schneestürme und starke Verwehungen sorgten vielerorts für meterhohe Schneeberge. Höfe, ganze Dörfer und die Nordseeinseln waren von der Außenwelt abgeschnitten, viele Menschen hatten weder Strom noch Wasser. Auch hier in der Stadt ging kaum noch etwas. Und doch erinnere ich mich vor allem an eines: An eine bemerkenswerte Gelassenheit.

Niemand sprach von einer Krise, kaum jemand war wirklich im Katastrophenmodus. Man arrangierte sich, schaufelte meterhohe Schneeberge, half sich gegenseitig und machte das Beste daraus. Auch im Kleinen. Innerhalb der Stadt fuhren keine Busse, für private Autos galt ein Fahrverbot. Nach ein paar Tagen hörte ich im Radio, dass es einen Zug ins rund 20 Kilometer entfernte Bad Zwischenahn geben sollte, wo mein damaliger Freund wohnte. Also ging ich zu Fuß zur Bushaltestelle und wartete - obwohl natürlich kein Bus kam. Ein Polizeiwagen hielt an, zwei Beamte nahmen mich kurzerhand mit und setzten mich am Bahnhof ab. Für mich war dieser Schneewinter ein außergewöhnliches Ereignis - aber keine persönliche Katastrophe. Eher eine Art Abenteuer. Und das berichten bis heute viele, die den Winter damals miterlebt haben.

Wann also ist ein Ereignis tatsächlich eine Katastrophe? Unstrittig ist: Eine Katastrophe ist eine Katastrophe, wenn Menschen konkret zu Schaden kommen. Wenn sie Angehörige verlieren, ihre Gesundheit, ihre Existenz oder ihre Sicherheit. Wenn etwas geschieht, das nicht mehr rückgängig zu machen ist und tiefe, persönliche Brüche hinterlässt. Diese Form von Katastrophe braucht keine Dramatisierung. Sie ist real, spürbar und unumstößlich. Daneben hat sich jedoch eine zweite Form etabliert - weniger greifbar, aber allgegenwärtig: Die kommunikativ erzeugte Katastrophe. Sie entsteht nicht primär durch das Ereignis selbst, sondern durch seine permanente mediale Begleitung. Durch Liveticker, Push-Nachrichten, Warnfarben, Eilmeldungen und Wiederholungen. Durch eine Sprache, die eskaliert, noch bevor sich überhaupt absehen lässt, was tatsächlich passieren wird.

Ein wesentlicher Unterschied zu früher liegt dabei in der medialen Infrastruktur. Ende der 1970er-Jahre gab es Radio und Fernsehen mit wenigen Nachrichtensendungen pro Tag auf gerade einmal drei Kanälen. Heute ist ein permanenter Nachrichtenbetrieb zur Normalität geworden. Informationen laufen rund um die Uhr, begleitet von Breaking-News-Einblendungen, Echtzeit-Updates und Sondersendungen. Zahllose Nachrichtensendungen konkurrieren um Aufmerksamkeit, und Aufmerksamkeit lässt sich am zuverlässigsten mit nachvollziehbarer Betroffenheit und emotionaler Zuspitzung erzeugen. Dramatisierung wird dabei zum wirksamsten Instrument. Was dabei oft unterschätzt wird, ist die Wirkung dieser ständigen medialen Zuspitzung. Ein permanenter Alarmzustand verändert die Wahrnehmung. Er erzeugt das Gefühl, fortwährend reagieren zu müssen, ohne genau zu wissen, wie. Angst wird diffus, weil ihr ein klar umrissenes Gegenüber fehlt. Die Grenze zwischen realer Gefahr und präventiver Aufregung beginnt zu verschwimmen – und erzeugt mentalen Stress.

Das Wetter hingegen hat sich in den letzten Jahrzehnten nicht grundlegend verändert. Zwar hat die Zahl der heißen Tage über 30 Grad Celsius zugenommen, während die Anzahl der Eistage deutlich zurückgegangen ist, doch im Winter kann es weiterhin schneien und im Sommer heiß werden. Was sich jedoch verändert hat, ist unsere Sicht auf einzelne Phänomene. Was früher ein vorübergehender Ausnahmezustand war, wird heute in Echtzeit bewertet, zugespitzt und emotional aufgeladen. Stillstand wird zum Chaos, Verzögerung zur Krise. Ein Wintereinbruch wird zur Wetterkatastrophe, 33 Grad im Sommer zur Hitzewelle. Gelassenheit scheint in dieser Dramaturgie kaum noch Platz zu haben. Vielleicht liegt genau hier das eigentliche Problem: Nicht im Wetter, sondern in unserer sinkenden Toleranz gegenüber Unwägbarkeiten. In der Schwierigkeit, Dinge auszuhalten, die sich nicht optimieren, beschleunigen oder kontrollieren lassen. Wie Schnee, der bremst, verzögert, zu Umwegen zwingt und behindert – nicht zu verhindern und gerade deshalb schwer zu ertragen. Etliche Winter waren früher objektiv härter, kälter und existenzieller als vieles von dem, was heute zur Krise erklärt wird. Und doch waren sie für viele kein Zustand permanenter Angst, sondern eine Phase des Arrangements, der Improvisation, manchmal sogar des Zusammenrückens. Nicht, weil man naiv war - sondern weil man wusste, dass nicht alles sofort lösbar ist und man vieles schlicht aushalten kann und muss. Vielleicht müssen wir einfach lernen, hin und wieder aus dem Fenster zu schauen, statt permanent auf unser Handy zu starren, um wieder zu erkennen und zu fühlen, was normal und was gefährlich ist.

Kaum ist Sturmtief „Elli“ abgezogen, kündigen die Wetterkompetenzzentren bereits die nächste Herausforderung an: drohendes Glatteis-Chaos. Das Wetter verändert sich, die mediale Dramaturgie leider nicht. Übrigens, ganz sicher keine Katastrophe sind unsere Schnee- und Eisdüfte, die Sie auf dem Foto sehen.

Christiane Behmann

Christiane Behmann holds a degree in social sciences and copywriting. After working for many years as a press officer for various companies, she ventured into self-employment in 2000 with her own advertising agency. In 2007, she founded the "Archive for Fragrance & Fine Essences" and was one of Germany's first bloggers at the time. Since 2009, she has also owned the Duftcontor in Oldenburg and is now back in her old profession.