Vanille? Geht immer.

December 15, 2025

Vanille ist ein Duft, der vor allem im Dezember nicht einfach nur süß riecht, sondern bei mir ein ganzes Paket an Sehnsüchten aktiviert: Wärme, Nähe, Gemütlichkeit, Festlichkeit und Kindheitsrituale. Vanille ist für mich quasi das aromatische Äquivalent zur Lichterkette - am liebsten die kleinteilig bestückten, die man den ganzen Tag anlässt, wenn draußen alles kalt und grau ist. Eigentlich kann man der Vanille vor Weihnachten kaum entgehen: In Duftkerzen, im Gebäck und natürlich vor allem in Parfums. Und selbst wenn man die Weihnachtsbäckerei einmal ausklammert, ist Vanille so präsent, als würde der Dezember selbst nach ihr riechen. Ich habe diese Analogie so sehr verinnerlicht, dass ich mich schon Monate vorher auf meinen Tihota freue. Irgendwie schwachsinnig, denn erstens ist es - zumindest in Norddeutschland - im Juni oft kälter als am Heiligen Abend, und zweitens hat selbst ein Vanille-Schwergewicht wie Tihota von Indult weder etwas mit Weihnachten noch mit Winter zu tun, sondern schlicht mit individuellem Geschmack und persönlicher Vorliebe.


Dabei ist die Verbindung von Vanille und Weihnachten kulturhistorisch alles andere als selbstverständlich. Vanille ist eine Pflanze, die in feuchter tropischer Wärme gedeiht - weit entfernt von europäischen Wintern. Erst im 16. Jahrhundert gelangte sie über koloniale Handelswege nach Europa, wo sie zunächst als kostbares Luxusgut geschätzt wurde, vor allem in höfischen Küchen und in Verbindung mit Kakao. Wer jemals eine echte Vanilleschote gekauft hat, weiß, dass sich daran bis heute wenig geändert hat. Verfügbar – und damit gewissermaßen demokratisiert – wurde Vanille erst im 19. Jahrhundert mit der Entwicklung von synthetischem Vanillin. Dessen industrielle Herstellung gelang 1874 den Chemikern Wilhelm Haarmann und Ferdinand Tiemann in Holzminden und markierte einen Wendepunkt: Duft und Geschmack ließen sich erstmals unabhängig von der Natur reproduzieren. Das daraus hervorgegangene Unternehmen Haarmann & Reimer (heute Symrise) stieg wenig später zu einem der weltweit führenden Produzenten von Duft- und Aromastoffen auf und machte den luxuriösen Duft und Geschmack von Vanille für viele überhaupt erst zugänglich. So wurde Vanille zum Synonym für Kindheit, Festtage und Gebäck, zugleich aber auch für Fülle und Wärme in einer Jahreszeit, die eigentlich von Kargheit und Reduktion geprägt ist. Aus einer exotischen Pflanze wurde so ein emotionaler Code für ein jahreszeitlich bedingtes Wohlgefühl.


Dass Vanille oft als selbstverständlich wahrgenommen wird, macht sie nicht weniger kraftvoll - im Gegenteil. Ihre Wirkung entfaltet sich gerade durch ihre Unaufgeregtheit. Psychologisch betrachtet wirkt Vanille wie kaum eine andere Duftnote auf unser emotionales Zentrum. Studien zeigen, dass vanillige Akkorde Stress reduzieren und ein Gefühl von Sicherheit erzeugen können. Im Winter, wenn Licht fehlt, unsere Bewegung eingeschränkt ist und soziale Nähe oft reduziert wird, sucht unser Nervensystem nach Ausgleich. Vanille liefert ihn - leise, weich, unaufdringlich. Sie verspricht Nähe, ohne sie einzufordern, und Trost, ohne sentimental zu werden. Vanille ist kein Duft der Aufregung oder Sensation, sondern der Regulation. Sie glättet Kanten, wirkt ruhig und körpernah. Vanille umhüllt, statt zu dominieren. Sie ist nicht laut, aber präsent. Und vielleicht ist genau das der Grund, warum sie im Winter so verlässlich funktioniert: Sie will nichts beweisen und wirkt in einer Jahreszeit, die uns oft mehr abverlangt, als wir zugeben wollen, wie eine olfaktorische Geste der Fürsorge. Für ein „Es ist gut so, wie es ist“ - und für Wärme in einer Zeit, in der wir emotional besonders bedürftig sind.


Dass Zimtsterne und Vanillekipferl in die Weihnachtszeit gehören, ist seit Generationen Kulturgut. Anders als viele denken, ist das jedoch nicht naturgegeben, sondern gelernt - ebenso wie die Tatsache, dass Vanillepudding komischerweise ganzjährig funktioniert. Warum also mit Tihota & Co. warten, bis es kalt wird? Wärme, Trost und Nähe kann man immer gebrauchen - ebenso wie einen Vanillepudding oder eben einen Vanilleduft.


In diesem Sinne wünsche ich Ihnen friedliche, warme und gemütliche Festtage - mit Licht, Liebe und vielleicht einem Hauch Vanille auf der Haut.

Christiane Behmann

Christiane Behmann


Christiane Behmann ist Diplom Sozialwissenschaftlerin und Texterin. Nachdem sie lange Jahre als Pressereferentin für verschiedene Unternehmen tätig war, wagte sie 2000 mit einer eigenen Werbeagentur den Schritt in die Selbständigkeit. 2007 gründete sie das „Archiv für Duft & feine Essenzen“ und war damals eine der ersten Bloggerinnen Deutschlands. Seit 2009 war sie außerdem Inhaberin vom Duftcontor in Oldenburg und arbeitet jetzt wieder in ihrem alten Beruf.